Benoît de Maillet (Saint-Mihiel, 12. April 1656 - Marseille, 30. Januar 1738) war ein weitgereister französischer Diplomat und Naturforscher. Durch seine langjährigen Aufenthalte im östlichen Mittelmeerraum sammelte er zahlreiche Beobachtungen zur Geologie und zu fossilen Überresten, die ihn zu ungewöhnlichen Schlussfolgerungen über die Entstehung der Erde und des Lebens führten.
Als französischer Generalkonsul in Kairo und Aufseher in der Levante machte Maillet wiederholt Feldbeobachtungen – etwa das Vorkommen von Meeresmuscheln und fossilen Schalentieren weit oberhalb des Meeresspiegels und die Schichtung von Sedimenten –, die ihn überzeugten, dass die Erdoberfläche nicht plötzlich, sondern durch langsame, kontinuierliche natürliche Prozesse geformt worden sei. Seine Auswertung dieser Befunde führte ihn zu der Auffassung, dass die Erde einst großteils von Wasser bedeckt war und dass Landflächen allmählich aus Meeresschichten hervorgingen.
Hypothesen zur Entstehung von Erde und Leben
Maillet formulierte eine Evolutionshypothese, in der er annahm, dass Lebewesen an veränderte Umweltbedingungen angepasst werden und dass Landtiere letztlich von im Meer lebenden Vorfahren abstammen. Er vertrat den natürlichen Ursprung des Menschen und stellte damit die biblisch-wörtliche Schöpfungsauffassung in Frage. Seine Argumentation stützte sich vor allem auf geologische Beobachtungen: Versteinerungen von Meerestieren in Landschaften, die heute weit vom Meer entfernt liegen, sah er als Beleg für historische Meeresstände und langsame, langfristige Veränderungen der Erdoberfläche.
Maillets Schlussfolgerungen waren in mehrfacher Hinsicht progressiv: Er bezweifelte die kurze biblische Erdchronologie, betonte die Wirksamkeit von Prozessen wie Sedimentation, Erosion und Verlandung über sehr lange Zeiträume und schlug eine Abstammung der Landfauna aus den Meeren vor. Damit zählt er zu den frühen Vorläufern transformistischen bzw. evolutionären Denkens in Europa.
Veröffentlichung und Wirkung
Seine Gedanken sind vor allem in dem posthum veröffentlichten Werk Telliamed überliefert (der Titel ist eine Umkehrung seines Namens: "De Maillet"). Die Ausgabe erschien 1748 durch den Abbé Jean-Antoine de Lacombe und ist in Form von Dialogen gehalten. Da das Werk erst nach Maillets Tod publiziert wurde und der Herausgeber redaktionelle Eingriffe vornahm, ist die genaue Authentizität mancher Passagen bis heute Gegenstand der Forschung; unstrittig ist jedoch, dass Maillets Beobachtungen und Interpretationen einen frühen und wichtigen Beitrag zur Entwicklung geologischen und biologischen Denkens lieferten.
Zu seinen Lebzeiten und kurz danach stießen seine Thesen auf Skepsis und Ablehnung, nicht zuletzt wegen ihres Widerspruchs zur herrschenden religiösen Kosmologie. In der Geschichte der Wissenschaft werden Maillet und sein Telliamed heute jedoch als bedeutende Vorläufer der modernen Evolutionstheorie und der historischen Geologie gewürdigt: Er demonstrierte, wie Beobachtungen aus Feldforschung und vergleichender Betrachtung zu großräumigen, langfristigen Erklärungen für die Entstehung von Landschaften und Lebewesen führen können.
Durch seine Verbindung von diplomatischer Tätigkeit und naturwissenschaftlicher Neugier ist Benoît de Maillet ein Beispiel dafür, wie Reisen und kommunikative Netzwerke im 17. und 18. Jahrhundert zur Sammlung naturgeschichtlicher Daten beitrugen und so die späteren Entwicklungen in Geologie und Biologie vorbereiteten.
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