Im Jahr 1900 veröffentlichte der Mathematiker David Hilbert eine Liste von 23 ungelösten mathematischen Problemen. Die Liste der Probleme erwies sich als sehr einflussreich. Nach Hilberts Tod wurde ein weiteres Problem in seinen Schriften gefunden; dieses wird heute manchmal als Hilberts 24. bezeichnet. Bei diesem Problem geht es darum, Kriterien zu finden, die zeigen, dass die Lösung eines Problems so einfach wie möglich ist.

Von den 23 Problemen waren drei im Jahr 2012 ungelöst, drei waren zu vage, um gelöst zu werden, und sechs konnten teilweise gelöst werden. Angesichts des Einflusses der Probleme formulierte das Clay Mathematics Institute im Jahr 2000 eine ähnliche Liste, die als "Millennium Prize Problems" bezeichnet wurde.

Hintergrund und Bedeutung

Hilberts Liste stellte er in seiner berühmten Rede beim Internationalen Mathematikerkongress in Paris 1900 vor. Sein Ziel war nicht nur, konkrete Aufgaben zu benennen, sondern wissenschaftliche Richtungen zu eröffnen und die Mathematik des 20. Jahrhunderts zu prägen. Viele der Probleme führten zu neuen Methoden, Theorien und Teilgebieten der Mathematik; andere zeigten Grenzen der damals vorhandenen formalen Methoden auf.

Ausgewählte Probleme und ihr heutiger Status (kurze Übersicht)

Die folgenden Beispiele zeigen die Bandbreite von Hilberts Problemen und wie unterschiedlich sie beantwortet wurden:

  • 1. Kontinuumshypothese: Frage nach der Existenz einer Mengenkarte zwischen den natürlichen und reellen Zahlen. Ergebnis: Unentscheidbar im Rahmen der üblichen Zermelo–Fraenkel-Mengenlehre mit Auswahlaxiom (ZFC) — resultierend aus Arbeiten von Kurt Gödel (Relative Konsistenz, 1940) und Paul Cohen (Unabhängigkeit, 1963).
  • 2. Konsistenz der Arithmetik: Hilbert wünschte einen sicheren Beweis der Widerspruchsfreiheit der Arithmetik. Ergebnis: Gödels Unvollständigkeitssätze (1931) zeigten grundlegende Grenzen solcher Beweise; später gab es relative Konsistenzbeweise (z. B. Gentzen für Peano-Arithmetik unter Verwendung transfiniter Methoden), sodass das Problem nur teilweise beantwortet ist.
  • 3. Zerlegung von Polyedern: Dehn löste dieses Problem noch 1900: Es existieren Polyeder gleichen Volumens, die nicht durch Abschneiden und Zusammensetzen (Scherenschnitte) ineinander überführt werden können.
  • 5. Lie-Gruppen ohne Differenzierbarkeit: Die Frage nach der Struktur lokalkompakter topologischer Gruppen, die eine Lie-Gruppen-Struktur erzwingen. Ergebnis: Grundlegende Lösungen im 20. Jahrhundert (u. a. Arbeiten von Gleason, Montgomery und Zippin).
  • 7. Transzendenzprobleme (z. B. a^b für algebraische a, irrationales algebraisches b): Teilweise gelöst durch den Gelfond–Schneider-Satz (1934) und spätere Erweiterungen.
  • 8. Primzahlverteilung, Riemannsche Vermutung, Goldbach: Dieses Problemspaket enthält einige der bis heute berühmtesten offenen Fragen; die Riemannsche Vermutung bleibt ungelöst und ist eines der wichtigsten offenen Probleme in der Zahlentheorie.
  • 10. Algorithmische Lösung diophantischer Gleichungen: Matiyasevich (in Fortführung von Davis, Putnam und Robinson) zeigte 1970, dass es keinen allgemeinen Algorithmus zur Lösung aller diophantischen Gleichungen gibt — das Problem ist demnach unentscheidbar.
  • 16. Topologie reeller algebraischer Kurven und Flächen (zweiter Teil): Viele Teilfragen wurden bearbeitet, doch wesentliche Teile dieser Aufgabe bleiben komplex und sind weiterhin Gegenstand aktueller Forschung.

Hilberts 24. Problem

In später entdeckten Notizen Hilberts fand man Hinweise auf ein weiteres, nie offiziell veröffentlichtes Anliegen, das heute oft als das 24. Problem bezeichnet wird. Es betrifft Fragen der Beweisvereinfachung und der Normalform von Beweisen: Hilbert suchte Kriterien, mit denen man zeigen kann, dass ein Beweis "so einfach wie möglich" ist, sowie Methoden zur systematischen Vereinfachung von Beweisen. Diese Idee hat Verbindungen zur heutigen Beweistheorie, Komplexitätstheorie und automatisierten Theorembeweisern.

Wirkung auf die Mathematik und die Moderne

Hilberts Liste wirkte wie ein Forschungsfahrplan für das 20. Jahrhundert. Sie:

  • lenkte Ressourcen und Aufmerksamkeit auf konkrete, tiefgreifende Fragen,
  • schuf Verbindungen zwischen anfangs weit entfernten Gebieten,
  • führte zur Entwicklung neuer Techniken (z. B. in Logik, Algebra, Topologie, Zahlentheorie) und
  • zeigte zugleich Grenzen formaler Systeme auf (Gödel).

Nachwirkung: Millennium-Preise

Als direkte Auswirkung der Symbolkraft von Hilberts Liste rief das Clay Mathematics Institute im Jahr 2000 die sogenannten "Millennium Prize Problems" ins Leben: sieben mathematische Probleme, für deren vollständige Lösung jeweils ein Preisgeld ausgesetzt wurde. Einige dieser Probleme überlappen in Inhalt und Geist mit Hilberts Forderungen nach klar formulierten, tiefen Fragen in der Mathematik.

Fazit

Die 23 Hilbertschen Probleme haben die mathematische Forschung nachhaltig geprägt. Einige Fragen wurden vollständig gelöst, andere erwiesen sich als unentscheidbar innerhalb der damals üblichen Axiomensysteme, wieder andere blieben offen und treiben die Forschung weiter an. Unabhängig vom Status einzelner Probleme bleibt Hilberts Forderung nach klaren, ambitionierten Fragestellungen ein Modell für wissenschaftliche Zielsetzung.