Hydrogenosom: Funktion, Herkunft und Rolle in anaeroben Organismen

Hydrogenosom: Funktion, Herkunft und Rolle in anaeroben Organismen – Aufbau, ATP‑Produktion ohne Sauerstoff, Evolution aus Mitochondrien sowie Beispiele wie Trichomonaden und Loricifera.

Autor: Leandro Alegsa

Ein Hydrogenosom ist eine membranumschlossene Organelle, die in verschiedenen anaeroben Eukaryoten vorkommt, darunter einige anaerobe Ciliaten, Trichomonaden, bestimmte Pilze und einige Metazoa. Hydrogenosomen sind funktionell an die Energiegewinnung in sauerstofffreien Umgebungen angepasst: sie erzeugen ATP ohne Beteiligung von molekularem Sauerstoff. Die am besten untersuchten Hydrogenosomen stammen von Trichomonaden; ihr Stoffwechsel umfasst mehrere kennzeichnende Enzyme und Reaktionsschritte. Man nimmt an, dass sich Hydrogenosomen aus Mitochondrien entwickelt haben, da Aufbau und einige Proteine gemeinsame Merkmale aufweisen.

Funktion und Stoffwechsel

Hydrogenosomen dienen vor allem der ATP-Bildung unter anoxischen Bedingungen. Bei Trichomonaden läuft ein typisches Schema folgendermaßen ab:

  • Glykolytisch entstandenes Pyruvat wird durch die Pyruvat:Ferredoxin-Oxidoreduktase (PFOR) zu Acetyl-CoA umgesetzt; dabei entstehen reduzierte Ferredoxin-Moleküle und Kohlendioxid.
  • Reduziertes Ferredoxin wird von einer [FeFe]-Hydrogenase genutzt, um molekularen Wasserstoff (H2) zu bilden – daher der Name Hydrogenosom.
  • Aus Acetyl-CoA wird durch ein ADP-abhängiges Acetyl-CoA-Synthetase-System (oder in manchen Organismen über die Phosphotransacetylase/Acetatkinase-Reaktion) Acetat gebildet und gleichzeitig ATP durch substratgebundene Phosphorylierung erzeugt.

Die Endprodukte sind typischerweise Acetat, CO2 und H2. Hydrogenosomen sind also auf Energiegewinnung ohne Atmungskette angewiesen und erzeugen ATP unabhängig von Sauerstoff.

Aufbau, Genetik und Proteine

Obgleich Hydrogenosomen strukturell den Mitochondrien ähneln (doppelte Membran, Kompartimentierung), sind sie sehr variabel: manche Organismen besitzen hydrogenosomenähnliche Organellen mit unterschiedlichem Enzymbesatz. In den meisten Fällen ist die genetische Information für hydrogenosomale Proteine nicht im Organell selbst, sondern im Zellkern codiert; die Proteine werden nach der Synthese ins Organell importiert. Hydrogenosomen besitzen häufig Systeme zur Bildung von Eisen-Schwefel-(Fe-S)-Clustern, die für zahlreiche Enzyme wichtig sind.

Herkunft und Evolution

Die vorherrschende Hypothese besagt, dass Hydrogenosomen von klassischen Mitochondrien abstammen, also von einem gemeinsamen alpha-proteobakteriellen Endosymbionten. Hinweise dafür sind gemeinsame Proteine (z. B. chaperone Hsp70) und gewisse Ähnlichkeiten in Importmechanismen für Proteine. Im Verlauf der Evolution haben sich bei unterschiedlichsten Linien der Eukaryoten die ursprünglich mitochondriale Struktur und Funktion stark reduziert oder verändert – daraus entstanden verschiedene Derivate wie Hydrogenosomen und Mitosomen. Die Vielfalt zeigt, wie flexibel eukaryotische Organellen auf anoxische Lebensbedingungen reagieren können.

Vorkommen und Beispiele

Hydrogenosomen treten in verschiedenen, nicht näher verwandten Gruppen anaerober Eukaryoten auf – ein Hinweis auf wiederholte Umwandlung von Mitochondrien in hydrogenosomartige Organellen. Die Trichomonaden sind das klassische Modell; ihre Hydrogenosomen sind molekular gut untersucht. Im Jahr 2010 berichteten Wissenschaftler zudem von der Entdeckung der ersten bekannten anaeroben Metazoen mit hydrogenosomenähnlichen Organellen. Dabei handelte es sich um Loricifera, die in Sedimenten unter Tiefwasser-Solebecken wie dem L'Atalante-Becken leben. Diese Solebecken sind völlig ohne Sauerstoff (anoxisch).

Bedeutung für Forschung, Medizin und Ökologie

Hydrogenosomen sind wichtig für das Verständnis der eukaryotischen Evolution und der Anpassung an anoxische Lebensräume. In der Medizin sind hydrogenosomale Enzyme relevant, weil bestimmte Antiprotozoika (z. B. Nitroimidazole) durch Reduktionsreaktionen in diesen Organellen aktiviert werden können; Veränderungen in hydrogenosomalen Stoffwechselwegen können daher Resistenzmechanismen beeinflussen. In der Biotechnologie besteht Interesse an hydrogenosomalen Wegen zur biologischen Wasserstoffproduktion, auch wenn praktische Anwendungen bislang noch begrenzt sind.

Zusammenfassung

Hydrogenosomen sind spezialisierte, membranumschlossene Organellen anaerober Eukaryoten, die ATP ohne Sauerstoff produzieren und Wasserstoff freisetzen. Sie zeigen enge funktionelle und evolutionäre Beziehungen zu Mitochondrien, sind aber in Struktur und enzymatischer Ausstattung stark variabel. Ihre Untersuchung liefert wichtige Erkenntnisse über Zellbiologie, Evolution und mögliche Anwendungen in Medizin und Biotechnologie.

Abb.1: Modell der ATP-Synthese in Hydrogenosomen. Abb.: CoA = Coenzym AZoom
Abb.1: Modell der ATP-Synthese in Hydrogenosomen. Abb.: CoA = Coenzym A

Fragen und Antworten

F: Was ist ein Hydrogenosom?


A: Ein Hydrogenosom ist ein membranumschlossenes Organell, das in einigen anaeroben Ciliaten, Trichomonaden, Pilzen und einigen Metazoen vorkommt.

F: Welche Rolle spielen die Hydrogenosomen in Trichomonaden?


A: Die Hydrogenosomen von Trichomonaden produzieren ATP durch einen komplexen Stoffwechselzyklus, der keinen Sauerstoff benötigt.

F: Wie haben sich Hydrogenosomen entwickelt?


A: Es wird angenommen, dass sich Hydrogenosomen aus Mitochondrien entwickelt haben, da ihre Struktur ähnlich ist.

F: Welche Organismen haben hydrogenosomenähnliche Organellen?


A: 2010 entdeckten Wissenschaftler Loricifera, anaerobe Metazoen, die in Sedimenten unter Tiefsee-Solebecken wie dem L'Atalante-Becken leben und hydrogenosomenähnliche Organellen besitzen.

F: Was für eine Art von Umwelt haben Solebecken wie L'Atalante?


A: Solebecken wie das von L'Atalante enthalten keinen Sauerstoff und sind daher anoxisch.

F: Haben alle anaeroben Ciliaten, Trichomonaden, Pilze und Metazoen Hydrogenosomen?


A: Nein, nur einige anaerobe Wimpertierchen, Trichomonaden, Pilze und einige Metazoen haben Hydrogenosomen.

F: Wodurch unterscheidet sich der Stoffwechselzyklus von Hydrogenosomen von dem der Mitochondrien?


A: Der Stoffwechselzyklus von Hydrogenosomen verwendet keinen Sauerstoff.


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