Korsetttierchen (Loricifera) – winzige, gepanzerte Meeresbewohner des Sediments
Korsetttierchen (Loricifera) sind mikroskopisch kleine Meereswirbellose mit einer schützenden Lorica; einige Arten leben in völlig sauerstofffreien Sedimenten. Entdeckt 1983, derzeit rund 22 beschriebene Arten.
Korsetttierchen, wissenschaftlich Loricifera genannt, bilden ein eigenes Tierstamm (Phylum) innerhalb der ökologisch und evolutionär bedeutsamen Ökodysozoa. Als sehr kleine Sedimentbewohner wurden sie 1983 von Reinhardt Kristensen erstmals formal beschrieben und stellen eine überraschende Ergänzung der bekannten Tierphyla dar. Einige Vertreter wurden in vollständig anoxischen Meeresbecken gefunden und gelten damit als die ersten bekannten mehrzelligen Tiere, die dauerhaft ohne freien Sauerstoff leben können.
Bildergalerie
2 BilderÄußere Merkmale und Bau
Korsetttierchen sind winzig: die Körperlänge liegt typischerweise zwischen etwa 100 µm und 1 mm. Charakteristisch ist die harte, meist röhrenförmige Außenhülle – die sogenannte Lorica, die ihnen den deutschen Namen ("Korsetttierchen") gibt. Der Körper gliedert sich in mehrere Bereiche, darunter ein ausstülpbarer Vorderteil mit Tast- und Greiforganen sowie ein hinterer, oft segmentartig gegliederter Körperabschnitt. Die Oberfläche trägt häufig Dornen, Schuppen oder Stacheln und erlaubt ein festes Anhaften an Körnern im Sediment.
Lebensraum und Verbreitung
Diese Tiere leben verborgen in den Zwischenräumen von Meereskies und Sedimenten: Sie finden sich an Sand- und Kieskörnern, wo sie sich festbinden und als Bestandteil der meiofaunalen Lebensgemeinschaften auftreten. Man kennt derzeit etwa 22 beschriebene Arten in ungefähr acht Gattungen, daneben existieren zahlreiche noch unbeschriebene Formen. Fundorte reichen von küstennahen Bereichen bis in große Wassertiefen und umfassen verschiedene Breitengrade. Die Tiere haften oft eng an Körnern aus Sand oder Kies, weshalb ihre Entdeckung lange schwierig war.
Besonders bemerkenswert ist der Nachweis einiger Arten in völlig sauerstofffreien Sedimenten. Solche Funde veränderten die Vorstellung, welche Lebensräume für mehrzellige Organismen möglich sind, und machten Loricifera zu einem Forschungsgegenstand für Studien zu Extremlebensräumen und Stoffwechselanpassungen.
Bedeutung für Forschung und Ökologie
Korsetttierchen spielen trotz ihrer geringen Größe eine Rolle im Stoffkreislauf der Sedimente, beispielsweise durch ihre Nahrungsaufnahme an Mikroorganismen und organischem Material. Für die Wissenschaft sind sie aus mehreren Gründen interessant: ihre Stellung im Stammbaum der Ecdysozoa, ihre speziellen anatomischen Anpassungen an das interstitielle Leben und die Entdeckung anoxischer Populationen. Diese Aspekte liefern wichtige Hinweise zur Evolution tierischer Stoffwechselwege und zur Diversität mikroskopischer Meeresfauna.
Entdeckung, Systematik und Abgrenzung
Das Phylum wurde in den 1970er Jahren erstmals gesammelt und 1983 beschrieben; seither ergänzen Neuerfassungen und molekulare Studien das Wissen über Verwandtschaftsverhältnisse. Loricifera stehen taxonomisch nahe bei anderen kleinen, skalidophoren Gruppen und werden häufig im Kontext von Kinorhynchen und Priapuliden diskutiert. Fossile Nachweise fehlen bislang, was die Rekonstruktion ihrer Evolution erschwert. Weitere Forschung, insbesondere molekulare Analysen und Feldstudien, bleibt notwendig, um Artenreichtum und ökologische Bedeutung besser zu verstehen. Weitere Informationen und aktuelle Forschungsergebnisse finden sich über Übersichtsquellen und Fachartikel, etwa auf Sammlungs- und Forschungssites.
Literatur- und Sammlungsverweise, Datenbanken und taxonomische Kataloge bieten ergänzende Details über einzelne Arten, Verbreitung und Anatomie; wichtige Einstiegspunkte sind spezialisierte Übersichtsartikel und die aufgeführten Forschungsressourcen (Ökodysozoa, Phyla, anoxische Lebensräume, Sedimentfauna, Artlisten, Gattungsübersichten, Sedimenttypen, Forschungsnetzwerke).
Anatomie
Diese Tiere haben eine schützende Außenhülle, die als Lorica bezeichnet wird. Geschützt durch die Lorica haben die Tiere einen Kopf, ein Maul und ein Verdauungssystem. Die Entwicklung verläuft in der Regel direkt, obwohl es bei einigen Arten auch Larven gibt. Die Tiere haben als Erwachsene zwei Geschlechter. Es gibt einige komplexe und flexible Lebenszyklen mit verschiedenen Formen der parthenogenetischen Fortpflanzung.
Ihre engsten Verwandten sind vermutlich die Kinorhyncha und Priapulida, mit denen sie einige Merkmale gemeinsam haben. Zusammen bilden sie die Gruppe der Scalidophora.
In anoxischen Umgebungen
Drei Loricifera-Arten wurden in den Sedimenten am Boden des L'Atalante-Beckens im Mittelmeer gefunden. Die "Oberfläche" dieses Beckens liegt in 3.500 Metern Tiefe. Sie sind die ersten vielzelligen Organismen, von denen bekannt ist, dass sie ihr ganzes Leben in einer sauerstofffreien Umgebung verbringen. Man nimmt an, dass sie dazu in der Lage sind, weil sie sich auf Organellen stützen, die im Gegensatz zu normalen Mitochondrien keinen Sauerstoff für ihren Energiekreislauf benötigen. Sie sind dazu in der Lage, weil sie statt der Mitochondrien Wasserstoffosomen zur Energiegewinnung nutzen.
Die neu gemeldeten Tiere vollenden ihren Lebenszyklus unter völliger Abwesenheit von Licht und Sauerstoff, und sie sind weniger als einen Millimeter groß. Sie wurden aus dem tiefen Becken entnommen, wo sie in einer fast salzgesättigten Sole leben. Diese Sole vermischt sich aufgrund ihrer Dichte nicht mit dem darüber liegenden Wasser. Infolgedessen ist die Sole vollständig anoxisch und reich an Ammoniak. Außerdem enthält sie aufgrund der Wirkung von Sulfatreduzierern Sulfid in hoher Konzentration. In der Sole ist der Zellreichtum nicht hoch. Es überwiegen Extremophile, darunter Mitglieder der hydrothermalen Tiefseeschlotgemeinschaft von Archaeen und Bakterien. Eukaryonten kommen auch in l'Atalante vor, darunter Ciliaten (45%), Dinoflagellaten (21%) und Choanoflagellaten (10%). p360-381
Fragen und Antworten
F: Was ist Loricifera?
A: Loricifera ist ein kürzlich entdeckter Stamm von Meerestieren.
F: Wer hat den Stamm der Loricifera beschrieben?
A: Loricifera wurde von Reinhardt Kristensen beschrieben.
F: Was macht Loricifera einzigartig?
A: Loricifera ist einzigartig, weil es die ersten Tiere sind, von denen bekannt ist, dass sie in einer völlig anoxischen Umgebung leben.
F: Wo leben die Loricifera?
A: Loricifera leben im Sediment in den Zwischenräumen zwischen Meereskies, an dem sie sich festsetzen.
F: Wie klein sind Loricifera?
A: Die Größe von Loricifera reicht von 100 µm bis etwa 1 mm.
F: Warum sind Loricifera so lange unentdeckt geblieben?
A: Loricifera heften sich ziemlich fest an den Kies, was erklärt, warum sie so lange unentdeckt geblieben sind.
F: Wurden Loricifera in der Fossilienforschung gefunden?
A: Nein, Loricifera wurden bisher noch nicht im Fossilienarchiv gefunden.
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Autor
AlegsaOnline.com Korsetttierchen (Loricifera) – winzige, gepanzerte Meeresbewohner des Sediments Leandro Alegsa
URL: https://de.alegsaonline.com/art/59254
Quellen
- nature.com : "Animals thrive without oxygen at sea bottom"
- doi.org : 10.1038/464825b
- sciencenews.org : "Multicelled animals may live oxygen-free"
- doi.org : doi:10.1186/1741-7007-8-32
- nature.com : doi=10.1038/ismej.2007.83
- www3.interscience.wiley.com : doi=10.1111/j.1462-2920.2008.01777.x
- doi.org : doi:10.1186/1741-7007-8-30
