Schrödingers Katze ist ein Gedankenexperiment über Quantenphysik. Erwin Schrödinger schlug sie 1935 vor, als Reaktion auf die Kopenhagener Interpretation der Quantenphysik. Es sollte veranschaulichen, dass die naiven Schlussfolgerungen aus der Quantenmechanik, wenn man sie unverändert auf makroskopische Objekte anwendet, zu scheinbar paradoxen oder absurd anmutenden Situationen führen.
Schrieb Schrödinger:
Man kann sogar ganz lächerliche Fälle aufstellen. Eine Katze ist in einer Stahlkammer eingeschlossen, zusammen mit der folgenden Vorrichtung (die gegen direkte Einwirkung der Katze gesichert werden muss): In einem Geigerzähler befindet sich ein winziges Stück radioaktiver Substanz, so klein, dass vielleicht im Laufe einer Stunde nur eines der Atome zerfällt, aber auch mit gleicher Wahrscheinlichkeit vielleicht gar keins; wenn es passiert, entlädt sich das Zählrohr und setzt über ein Relais einen Hammer frei, der ein kleines Fläschchen Blausäure zertrümmert. Wenn man dieses ganze System eine Stunde lang sich selbst überlassen hat, würde man sagen, dass die Katze noch lebt, wenn inzwischen kein Atom zerfallen ist. Die Psi-Funktion des gesamten Systems würde dies dadurch zum Ausdruck bringen, dass in ihm die lebende und die tote Katze (entschuldigen Sie den Ausdruck) zu gleichen Teilen vermischt oder ausgeschmiert sind.
Typisch für diese Fälle ist, dass eine ursprünglich auf den atomaren Bereich beschränkte Unbestimmtheit in eine makroskopische Unbestimmtheit übergeht, die dann durch direkte Beobachtung aufgelöst werden kann. Das hindert uns daran, ein "verschwommenes Modell" zur Darstellung der Wirklichkeit so naiv als gültig zu akzeptieren. An sich würde es nichts Unklares oder Widersprüchliches verkörpern. Es besteht ein Unterschied zwischen einem verwackelten oder unscharfen Foto und einer Momentaufnahme von Wolken und Nebelbänken.
- Erwin Schrödinger, Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik (Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik), Naturwissenschaften
(übersetzt von John D. Trimmer in Proceedings of the American Philosophical Society)
Was das Gedankenexperiment zeigen soll
In einfachen Worten wollte Schrödinger deutlich machen: Wenn man die quantenmechanische Beschreibung (Superposition) eins-zu-eins auf ein großes, alltägliches System wie eine Katze anwendet, erhält man scheinbar widersprüchliche Aussagen — die Katze wäre gleichzeitig "lebendig und tot", solange niemand nachschaut. Das ist nicht als realistische Beschreibung einer Katze gemeint, sondern als Kritik an der Vorstellung, die Kopenhagener Interpretation ohne Weiteres auf makroskopische Objekte zu übertragen.
Der Aufbau (vereinfacht)
Eine Katze wird in einen Raum gebracht, der von der Außenwelt getrennt ist.
Im Raum befindet sich ein Geigerzähler, der die Menge des radioaktiven Zerfalls und ein wenig von einem radioaktiven Element zählt.
Innerhalb einer Stunde könnte eines der Atome des radioaktiven Materials zerfallen (oder sich zersetzen, weil das Material nicht stabil ist), oder auch nicht.
Wenn sich das Material zersetzt, setzt es ein Atomteilchen frei, das auf den Geigerzähler trifft, wodurch Giftgas freigesetzt wird, das die Katze tötet.
Wesentliche Begriffe: Superposition und Kollaps
In der Quantenmechanik beschreibt die Wellenfunktion (Psi-Funktion) alle möglichen Zustände eines Systems und die Wahrscheinlichkeiten für deren Auftreten. Ein Teilchen kann in einer Superposition mehrerer Zustände sein — zum Beispiel "hier" und "dort" gleichzeitig mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Nach der traditionellen, kopenhagener Deutung wird beim Messen ein bestimmter Zustand "ausgewählt" (man spricht vom Kollaps der Wellenfunktion) und das System erscheint in einem eindeutigen Zustand.
Beim Gedankenexperiment ist das radioaktive Atom in einer Superposition von "zerfallen" und "nicht zerfallen". Da das Schicksal der Katze von diesem Atom abhängt, würde gemäß einer naiven Übertragung der Superposition die Gesamtwellenfunktion eine Überlagerung von "Katze lebt" und "Katze tot" enthalten. Schrödinger wollte zeigen, dass diese Vorstellung problematisch ist, wenn man sie wörtlich nimmt.
Missverständnisse und moderne Sicht
- Die Katze ist kein makroskopisches Quantenteilchen: In der Realität wird eine Katze durch sehr viele Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung ständig gestört. Solche Wechselwirkungen führen zu Dekohärenz — das heißt, die quantenmechanischen Phaseninformation der Superposition wird sehr schnell verloren und das System verhält sich praktisch klassisch.
- Dekohärenz löst das Messproblem nicht vollständig: Dekohärenz erklärt, warum makroskopische Superpositionen extrem kurzlebig und deshalb praktisch nicht beobachtbar sind. Sie beantwortet aber nicht die philosophische Frage, warum ein bestimmtes Messergebnis realisiert wird (das sogenannte "Problem des Messens").
- Es gibt verschiedene Interpretationen: Die Quantenphysik selbst liefert experimentell überprüfbare Vorhersagen — wie diese Vorhersagen jedoch ontologisch zu deuten sind, bleibt interpretationsabhängig. Beispiele sind die Kopenhagener Interpretation, die Viele-Welten-Interpretation (in der beide Zweige tatsächlich "existieren", aber in unterschiedlichen "Zweigen" des Universums), objektive Kollapsmodelle und verborgene Variablen Theorien.
Warum das Experiment wichtig ist
Schrödingers Katze ist kein praktischer Versuch mit echten Tieren (es ist ein Gedankenexperiment), sondern ein didaktisches Werkzeug, das auf folgende Punkte hinweist:
- Die Schwierigkeit, Quanteneffekte mit unserer alltäglichen Erfahrung in Einklang zu bringen.
- Die Notwendigkeit, genau zu definieren, was "Messen" oder "Beobachten" in der Quantenmechanik bedeutet.
- Den Unterschied zwischen epistemischer Unkenntnis (ich weiß nicht, ob ein Atom zerfallen ist) und echter quantenmechanischer Überlagerung (das Atom befindet sich in einer Superposition von Zuständen).
Experimentelle Entwicklung
Seit Schrödingers Zeit haben Forscher viele Fortschritte gemacht: man kann heute kohärente Quantenzustände in makroskopisch großen Systemen erzeugen (z. B. supraleitende Qubits, Bose-Einstein-Kondensate). Solche Systeme zeigen Quanteneffekte auf größeren Skalen, doch je größer und stärker mit der Umgebung verbunden ein System ist, desto schneller tritt Dekohärenz auf.
Fehlvorstellungen
- Die Aussage "die Katze ist gleichzeitig lebendig und tot" darf nicht als Alltagsbehauptung verstanden werden. Schrödinger nutzte die Idee, um die Grenzen einer bestimmten Deutung der Quantenmechanik zu kritisieren.
- Das Gedankenexperiment bedeutet nicht, dass Beobachterbewusstsein physikalisch erforderlich ist, um Zustände festzulegen. Moderne Physik diskutiert Messprozesse unabhängig von bewusstem Beobachten.
Zusammenfassung
Schrödingers Katze bleibt ein eindrückliches Bild, um das Messproblem und die seltsamen Konsequenzen quantenmechanischer Prinzipien zu diskutieren. Es macht deutlich, dass die Übertragung quantenmechanischer Konzepte auf die makroskopische Welt nicht ohne Weiteres erfolgt und dass die Frage, wie und wann sich eine Wellenfunktion in einen konkreten Zustand "aufspaltet", weiterhin Gegenstand intensiver Forschung und philosophischer Diskussion ist.
Das Gedankenexperiment wurde von Schrödinger erfunden, um die Probleme und die scheinbare Absurdität einer unkritischen Anwendung quantenmechanischer Begriffe auf makroskopische Objekte zu veranschaulichen. Es erscheint häufig in populärwissenschaftlichen Darstellungen und in der Kultur, dient aber vor allem als Einstieg in tiefergehende Fragen zur Interpretation der Quantenmechanik.


