Das Vaterunser ist das bekannteste Gebet in der christlichen Religion. Es ist auch bekannt als das Vaterunser (die ersten beiden Worte des Gebetes) und Pater noster (lateinisch für „Vater unser“). Während des 16. Jahrhunderts und insbesondere durch die protestantische Reformation wurde das Gebet in der Volkssprache weit verbreitet und in den Sprachen der Gemeinden – im Deutschen etwa als „Vater unser“ – regelmäßig gebetet und gelehrt.

Das Gebet wird an zwei Stellen im Neuen Testament der Bibel überliefert (Matthäus 6,9–13 und Lukas 11,1–4). In beiden Stellen baten die Jünger Jesu darum, dass er ihnen ein Muster gebe, wie sie beten sollten. Im Matthäusevangelium steht das Vaterunser im Kontext der Bergpredigt und dient dort als Beispiel für eine aufrichtige, nicht zur Schau gestellte Frömmigkeit; im Lukasevangelium ist die Szene enger: die Jünger bitten direkt um eine Gebetsanleitung.

Der Text (traditionelle englische Fassung)

Die Bibel wurde in viele Sprachen übersetzt, wodurch sich je nach Übersetzung und Manuskripttradition leichte Unterschiede ergeben. Eine der bekanntesten englischen historischen Fassungen ist die Übersetzung aus dem Book of Common Prayer (1662):

Our Father, which art in heaven, Hallowed be thy Name. Thy kingdom come. Thy will be done in earth, As it is in heaven. Give us this day our daily bread. And forgive us our trespasses, As we forgive them that trespass against us. And lead us not into temptation; But deliver us from evil. For thine is the kingdom, the power, and the glory, for ever and ever. Amen.

Wesentliche Unterschiede in den biblischen Fassungen

  • Die Version bei Matthäus (6,9–13) ist ausführlicher als die bei Lukas (11,1–4). Lukas enthält eine kürzere, knappere Fassung.
  • Die Schlussdoxologie („For thine is the kingdom…“) kommt in vielen späteren Handschriften vor, fehlt aber in den frühesten griechischen Handschriften (z. B. Codex Sinaiticus, Codex Vaticanus). Aus textkritischen Gründen fügen moderne Bibelausgaben diese Doxologie oft als Fußnote oder Klammerzusatz hinzu.
  • Übersetzungen unterscheiden sich bei einzelnen Wendungen wie „daily bread“ / „das tägliche Brot“ oder „trespasses“ / „Sünden/Schuld“. Auch die Formulierung „lead us not into temptation“ ist sprachlich und theologisch diskutiert.

Aufbau und Bedeutung der Bitten

Das Vaterunser kann als eine Abfolge von Bitten verstanden werden, die sowohl Gottes Größe als auch menschliche Bedürfnisse thematisieren. Traditionell spricht man von sieben Bitten (drei himmelsbezogene, vier weltliche):

  • „Geheiligt werde dein Name“ – Anerkennung der Heiligkeit Gottes.
  • „Dein Reich komme“ – Bitte um die Herrschaft Gottes und das kommens des Gottesreiches.
  • „Dein Wille geschehe“ – Unterordnung unter Gottes guten Willen, sowohl auf Erden als auch im Himmel.
  • „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – Bitte um die notwendige Lebensversorgung.
  • „Und vergib uns unsere Schuld“ – Bitte um Vergebung und Versöhnung, verbunden mit der Verpflichtung, anderen zu vergeben.
  • „Führe uns nicht in Versuchung“ – Bitte um Bewahrung vor Prüfungen und falschen Wegen; diese Formulierung wird theologisch unterschiedlich ausgelegt, da sie Fragen zur Souveränität Gottes aufwirft.
  • „Erlöse uns von dem Bösen“ – Bitte um Schutz vor dem Bösen und Befreiung von Bedrängnis.

Liturgische und ökumenische Verwendung

Das Vaterunser hat in fast allen christlichen Traditionen einen festen Platz in Gottesdiensten, persönlichen Gebeten und Sakramenten. Katholische, orthodoxe, anglikanische und die meisten protestantischen Gemeinden beten es regelmäßig – teils in leicht unterschiedlichen Wortlauten. Es ist zudem Bestandteil vieler Tauf-, Abendmahls- und Beerdigungsfeiern sowie ökumenischer Gottesdienste, wodurch es zu einem verbindenden Element zwischen den Konfessionen geworden ist.

Sprachgeschichte und Reformatoren

Mit der Reformation und der zunehmenden Verwendung der Volkssprachen wurde das Gebet in vielen Ländern in die jeweilige Landessprache übertragen und dadurch für die breite Bevölkerung zugänglich. Martin Luther gab dem deutschen Volk eine gut verständliche Fassung des Gebets, die in der reformatorischen Frömmigkeit eine zentrale Rolle spielte und bis heute in vielen Kirchen verwendet wird.

Textkritische und theologische Anmerkungen

  • Die Frage der Herkunft einzelner Wendungen (vor allem der Doxologie) hat die Textkritik lange beschäftigt. Die frühesten griechischen Handschriften kennen die Doxologie nicht, während sie in vielen lateinischen und späteren griechischen Überlieferungen vorhanden ist.
  • Die Formulierung „führe uns nicht in Versuchung“ wird häufig diskutiert, weil sie Missverständnisse über Gottes Handeln erzeugen kann. Einige moderne Übersetzungen und theologische Texte sprechen stattdessen von „lass uns nicht in Versuchung geraten“ oder „bewahre uns in der Prüfung“, um die Bitte klarer zu formulieren.
  • Übersetzungsentscheidungen (z. B. „trespasses“ vs. „sins“, „daily bread“ vs. „our bread for tomorrow“) spiegeln theologische und kulturelle Nuancen wider und können das Gebetserleben beeinflussen.

Bedeutung für das Beten heute

Das Vaterunser dient Christen bis heute als Mustergebet: Es lehrt, Gott anzusprechen, Gottes Größe anzuerkennen, für das tägliche Leben und für geistliche Bewahrung zu bitten sowie Vergebung und Versöhnung zu suchen. Wegen seiner Kürze, Struktur und theologischen Tiefe bleibt es in persönlicher Frömmigkeit und gemeinschaftlicher Liturgie zentral.

Das Vaterunser verbindet historische Überlieferung, textkritische Forschung und lebendige Frömmigkeit. Unabhängig von konkreten Wortlauten bleibt es ein zentrales Gebet, das die Beziehung zwischen Mensch und Gott in wenigen Worten bündig ausdrückt und in der ganzen Christenheit weit verbreitet ist.