Der Anglikanismus ist eine Denomination innerhalb des Christentums. Er umfasst die Church of England und die Anglican Communion, eine weltweite Gemeinschaft anglikanischer Kirchen aus vielen Ländern. Unter dem Begriff werden diejenigen Kirchen, Institutionen, Traditionen und Gläubigen verstanden, die sich an die in der englischen Reformation formulierten Prinzipien anlehnen und in Lehre, Liturgie und Kirchenordnung eine Kontinuität mit der Church of England aufweisen.
Geschichtlicher Überblick
Die Wurzeln des Anglikanismus liegen in der englischen Reformation des 16. Jahrhunderts. Anders als in vielen reformatorischen Bewegungen wurde in England das Sakramenten- und Amtssystem der spätmittelalterlichen Kirche weitgehend beibehalten: die Ämter der Bischöfe, Priester und Diakone blieben bestehen, ebenso viele liturgische Formen. Entscheidend war jedoch die Ablehnung der obersten juristischen und geistlichen Autorität des Papstes, wodurch sich die Kirche von der römisch-katholischen Kirchenleitung löste.
Lehre, Liturgie und Sakramente
Der Anglikanismus wird oft als ein via media — ein "Mittelweg" — zwischen dem römischen Katholizismus und dem Protestantismus beschrieben. Diese Charakterisierung meint, dass anglikanische Theologie und Praxis Elemente beider Traditionen enthalten: die Betonung historischer Liturgie und apostolischer Ämter neben reformatorischen Einsichten zur Schrift und Rechtfertigungslehre.
Liturgisch prägend ist das Book of Common Prayer (in vielen Ländern in nationalen Fassungen), das Gottesdienstordnung, Gebete und Sakramentenfeiern regelt. Die meisten anglikanischen Kirchen erkennen zwei zentrale Sakramente an — Taufe und Abendmahl — oft werden aber auch die übrigen kirchlichen Handlungen als sakramental im weiteren Sinne gewürdigt.
Organisation und Gemeinschaft
Der Begriff anglikanisch leitet sich von der mittelalterlichen lateinischen Wendung ecclesia anglicana (mindestens seit 1246 belegt) und bedeutet wörtlich "die englische Kirche". Heute bezeichnet er eine theologisch und kulturell breite und oft divergente Vereinigung von 38 Provinzen, die als die Anglican Communion miteinander verbunden sind. Diese Provinzen stehen in kirchlicher Gemeinschaft mit dem Erzbischof von Canterbury, dessen Rolle vor allem symbolisch und vermittelnd ist, nicht als zentralistische Regierungsgewalt über die gesamte Gemeinschaft.
Innerhalb einzelner nationaler Kirchen kann die Organisationsform variieren. Viele sind staatlich anerkannt oder historisch mit dem Staat verbunden, wie die Church of England. Andere sind unabhängige, autonome Kirchen mit eigener Verfassung.
Vielfalt innerhalb des Anglikanismus
Anglikanische Gemeinden unterscheiden sich erheblich in Frömmigkeitsform, Theologie und liturgischer Praxis. Man unterscheidet häufig:
- High Church / Anglo-Katholisch: Betonung auf traditioneller Liturgie, Sakramentenverständnis und Bischofsamt;
- Broad Church: theologisch moderat, offen gegenüber unterschiedlichen Ausdrucksformen;
- Low Church / Evangelikal: stärkere Betonung auf Predigt, Bibelstudium und persönlichem Glauben.
Diese Bandbreite führt dazu, dass manche Beobachter den Anglikanismus schwer eindeutig als "katholisch" oder "protestantisch" einordnen können.
Aktuelle Fragen und Herausforderungen
In den letzten Jahrzehnten haben Debatten über die Ordination von Frauen, die Verwendung verschiedener liturgischer Formen, und Fragen zu Sexualmoral und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften die Gemeinschaft belastet. Unterschiedliche Provinzen haben hierzu verschiedene Entscheidungen getroffen, was zu Spannungen innerhalb der Anglican Communion geführt hat.
Ökumenische Beziehungen
Der Anglikanismus unterhält vielfältige Beziehungen zu anderen christlichen Kirchen. Die historische Nähe zur römischen Katholizismus sowie zur protestantischen Welt führt zu zahlreichen ökumenischen Gesprächen und Kooperationen auf regionaler und internationaler Ebene.
Bedeutung und Verbreitung
Heute ist der Anglikanismus besonders in Großbritannien, Teilen des Commonwealth und in Ländern wie den USA, Australien, Nigeria und Uganda präsent. Die theologische Vielfalt, die reichen liturgischen Traditionen und die internationalen Netzwerke machen ihn zu einer bedeutenden Strömung innerhalb des globalen Christentums.
Zusammenfassend ist der Anglikanismus eine historisch gewachsene, theologisch breite und institutionell vielfältige Form des Christentums, die einerseits in Kontinuität mit alten kirchlichen Traditionen steht und andererseits reformatorische Akzente aufweist.