Lazarus-Taxon (Paläontologie) – Definition, Ursachen & Beispiele

Lazarus-Taxon (Paläontologie) – Definition, Ursachen & Beispiele: Wie Taxa nach scheinbarem Verschwinden wieder in Fossilien auftauchen und welche Ursachen dahinterstecken.

Autor: Leandro Alegsa

In der Paläontologie ist ein Lazarus-Taxon (Pluraltaxa) ein Taxon, das in einer oder mehreren aufeinanderfolgenden Schichten der Fossilüberlieferung verschwindet, um später wieder aufzutauchen. Der Begriff bezieht sich auf das Johannes-Evangelium, in dem Jesus berichtet, Lazarus von den Toten auferweckt zu haben. Lazarus-Taxa entstehen entweder dadurch, dass eine Gruppe lokal oder regional ausdünnt und später wieder aufflammt, oder sie sind das Ergebnis eines Artefakts zur Probennahme vor — also einer Lücke im fossilen Nachweis. Die fossile Überlieferung ist unvollständig: nur ein sehr kleiner Anteil der Organismen wird überhaupt versteinert, und selbst gefundene Fossilien können durch Erosion, Umlagerung oder unzureichende Probendichte fehlen. Wenn die Zahl der Individuen eines Taxons stark reduziert wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Vertreter dieses Taxons überhaupt erhalten bleiben und entdeckt werden.

Ursachen

  • Geringe Populationsgröße — Kleine Populationen haben eine deutlich geringere Chance, fossil überliefert zu werden.
  • Räumliche Verlagerung / Refugien — Taxa können in ökologischen Refugien überleben (z. B. tiefe Meeresbereiche, isolierte Täler), die nur selten sedimentär überliefert werden.
  • Taphonomische und lithologische Effekte — Bestimmte Lebensräume begünstigen keine Fossilbildung (z. B. saure Böden, erosive Schlämme), sodass Arten in diesen Zonen „unsichtbar“ bleiben.
  • Probennahme- und Forschungsbias — Unzureichende Feldarbeit, ungleiche Erhaltung von Gesteinseinheiten oder fehlende Zugänglichkeit führen zu scheinbaren Lücken.
  • Massensterben und langsame Erholung — Nach großen Aussterbeereignissen sinken manche Gruppen auf sehr niedrige Individuenzahlen und werden erst später wieder häufig genug, um fossil nachweisbar zu sein.

Typische Beispiele

  • Quastenflosser (Coelacanth, Latimeria) — Klassisches Beispiel: für lange Zeit nur aus fossilen Funden bekannt und für ausgestorben gehalten, wurde der heute lebende Quastenflosser 1938 an der Küste Südafrikas wiederentdeckt.
  • Monoplacophora (z. B. Neopilina) — Fossil bis in das Paläozoikum bekannt, lebende Vertreter wurden Mitte des 20. Jahrhunderts in der Tiefsee gefunden und zeigten, dass die Gruppe überlebt hatte.
  • Weitere Fälle — Viele marine Gruppen (z. B. bestimmte Schnecken, Muscheln oder Seeigel) erscheinen in der stratigraphischen Folge nach einem Massensterben erst wieder in jüngeren Schichten; dies kann auf echte Rückkehr in höhere Häufigkeit oder auf Überlieferungslücken zurückzuführen sein.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

  • Elvis-Taxon — Scheinbare Wiederkehr einer ausgestorbenen Form, die in Wirklichkeit eine konvergente Neuentwicklung darstellt (also ein äußerlich ähnlicher, aber nicht derselbe Verwandte).
  • Zombie-Taxon — Fossilien, die aus älteren Gesteinen erodiert und später in jüngere Sedimente reponiert wurden, erzeugen fälschlich den Eindruck, die Art habe länger überlebt.
  • Living fossil (Lebendes Fossil) — Lebende Arten, die morphologisch wenig verändert erscheinen; das ist nicht automatisch ein Lazarus-Taxon, kann aber damit einhergehen.

Methoden, um Lazarus-Taxa zu erkennen

  • Stratigraphische Präzision und exakte Datierung (z. B. biostratigraphische Korrelation, Radiometrie) zur Feststellung echter Lücken.
  • Taphonomische Studien, um zu prüfen, ob Erhaltungsbedingungen das Verschwinden erklären.
  • Quantitative Methoden wie Stratigraphic Confidence Intervals oder Gap-Analysen, mit denen die Wahrscheinlichkeit abgeschätzt wird, dass ein beobachtetes Verschwinden echt ist oder durch Sampling erklärbar bleibt.
  • Phylogenetische Analysen und morphologische Vergleiche, um Elvis-Taxa von echten Wiederauftauchern zu unterscheiden.

Bedeutung für Forschung und Naturschutz

Das Konzept des Lazarus-Taxon erinnert daran, dass die fossile Überlieferung lückenhaft ist und Interpretationen von Aussterben mit Vorsicht vorgenommen werden müssen. In der Paläontologie hilft es, Erholungsprozesse nach Massenaussterben besser zu verstehen. In der modernen Naturschutzbiologie wird analog der Begriff „Lazarus-Effekt“ genutzt, wenn Arten als verschollen gelten und später wiedergefunden werden — ein Hinweis darauf, dass gänzlich auf aufwändige Nachweise verzichtet werden sollte, bevor ein Taxon als endgültig ausgestorben gilt.

Insgesamt zeigt das Phänomen der Lazarus-Taxa, wie wichtig umfassende Feldarbeit, taphonomische Kenntnis und quantitative Auswertungen sind, um zwischen echtem Aussterben und bloßer Lücke in der Überlieferung zu unterscheiden.

Geschichte der Idee

1974 wies Batten darauf hin, dass in den Aufzeichnungen der Untertrias Gattungen und Arten fehlten, die im Perm vorhanden waren, die aber 20 Millionen Jahre später in der Mitteltrias wieder auftauchten. Jablonski prägte später den Begriff "Lazarus-Taxon" für Arten und Gattungen, die aus den fossilen Aufzeichnungen verschwinden, um später wieder aufzutauchen, wenn sich die Bedingungen wieder normalisieren.

Lebendige Beispiele

Es gibt einige bekannte Beispiele dafür, dass dies bei heutigen Arten geschieht.

Einige bekannte Beispiele:

  • Eine ganze Gruppe von Fischen mit Lappenflossen, die Unterklasse der Coelacanthimorpha, galt vor 80 Millionen Jahren als ausgestorben. Dann wurde 1938 ein Quastenflosser (Latimeria) gefunden.
  • Man glaubte, dass die Monoplacophora, eine Klasse von Mollusken, im mittleren Devon (vor ca. 380 Millionen Jahren) ausgestorben war, bis man 1952 vor Costa Rica im tiefen Wasser lebende Mitglieder entdeckte.
  • Dawn Redwood oder Metasequoia, eine Gattung von Nadelbäumen, wurde erstmals 1941 von Shigeru Miki als ein Fossil aus dem Mesozoikum beschrieben, 1944 wurde jedoch ein kleiner Bestand in Modaoxi, China, entdeckt.
  • Das Bergpygmäenpossum (Burramys parvus), Australiens einziges wirklich überwinterndes Beuteltier, das ursprünglich aus den Fossilienfunden bekannt ist, wurde 1966 entdeckt.
Quastenflosser Latimeria chalumnae.Zoom
Quastenflosser Latimeria chalumnae.

Fragen und Antworten

F: Was ist ein Lazarus-Taxon?


A: Ein Lazarus-Taxon ist ein Taxon, das aus einer oder mehreren Perioden des Fossilnachweises verschwindet, nur um später wieder aufzutauchen.

F: Woher stammt der Begriff Lazarus-Taxon?


A: Der Begriff Lazarus-Taxon bezieht sich auf das Johannesevangelium, in dem behauptet wird, dass Jesus Lazarus von den Toten auferweckt hat.

F: Warum kommen Lazarus-Taxa vor?


A: Lazarus-Taxa treten entweder aufgrund eines (lokalen) Aussterbens, einer späteren Wiederbesiedlung oder als Artefakt einer Probenahme auf.

F: Warum ist der Fossilnachweis unvollkommen?


A: Der Fossilbericht ist unvollkommen, weil nur ein sehr kleiner Teil der Organismen versteinert wurde und er Lücken enthält, die nicht unbedingt durch das Aussterben verursacht wurden, insbesondere wenn die Anzahl der Individuen eines Taxons sehr gering ist.

F: Was geschieht mit einigen Gruppen in der Paläontologie nach einem großen Aussterbeereignis?


A: Nach einem großen Aussterbeereignis tauchen einige Gruppen in der Paläontologie nach Millionen von Jahren wieder auf.

F: Was ist die übliche Erklärung für das Wiederauftauchen einiger Gruppen in der Paläontologie nach einem großen Aussterbeereignis?


A: Die übliche Erklärung ist, dass die Zahl der Tiere so weit zurückging, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie fossilisiert werden, extrem gering war. Dann stieg ihre Zahl allmählich wieder an.

F: In welchem Bereich wurde das Konzept des Lazarus-Taxons entwickelt?


A: Das Konzept des Lazarus-Taxons wurde in der Paläontologie entwickelt.


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