Im Christentum bezeichnet Altes Testament den ersten großen Teil der Bibel, also jene Schriften, die vor der Gestalt und dem Wirken von Jesus Christus entstanden sind. Im Judentum spricht man von der Sammlung als Tanakh oder allgemein von der hebräischen Bibel. Sowohl Juden als auch Christen halten diese Schriften für heilig und sehen in ihnen Zeugnisse von göttlicher Inspiration. Der Koran bezeichnet die ersten fünf Bücher des Alten Testaments als Tawrat.
Aufbau und Hauptteile
Die Sammlung besteht aus vielen Einzelschriften, die traditionell in "Bücher" zusammengefasst sind. Man kann den Kanon grob in drei Hauptgruppen unterteilen:
- Thora (auch Pentateuch genannt): die fünf Bücher Mose, Grundschrift für Gesetz und Erzählung (z. B. Schöpfung, Bund, Auszug aus Ägypten).
- Propheten (bei jüdischer Einteilung Nevi'im): historische und prophetische Überlieferungen über das Volk Israel und seine Verkünder.
- Weisheits- und Sammlungstexte (bei jüdischer Einteilung Ketuvim): Psalmen, Sprüche, Weisheitsliteratur und verschiedene Erzählungen.
In christlichen Bibeln werden diese drei Gruppen oft etwas anders gegliedert und bezeichnet — üblich sind z. B. die Kategorien "Geschichte Israels", "Propheten" und "Weisheitsbücher".
Sprachen und Textüberlieferung
Die Mehrzahl der Texte wurde in hebräischer Sprache verfasst; Teile sind in aramäischer Sprache erhalten (etwa Teile von Daniel und Esra). Die maßgebliche hebräische Grundlage des jüdischen Kanons ist der sogenannte masoretische Text, der im Mittelalter von den Masoreten fixiert wurde. Wichtige frühere Handschriften, die das Verständnis der Texte erweitert haben, stammen aus den Schriftrollen vom Toten Meer (Dead Sea Scrolls) und zeigen frühere Textvarianten.
Entstehung und Kanonbildung
Die Texte des Alten Testaments entstanden über viele Jahrhunderte; Entstehungszeiten reichen von älteren Überlieferungen (mündliche Traditionen, alte Gesetze) bis zu schriftlichen Ausarbeitungen, die etwa vom 12. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Die endgültige Form einzelner Sammlungen und die Festlegung des Kanons liefen schrittweise ab und unterschieden sich regional und konfessionell. Zur Entstehung der Tora gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungen (u. a. die sogenannte Dokumentarhypothese), in der religiösen Tradition gelten Mose und andere althergebrachte Autoren als Urheber oder Quellen.
Übersetzungen und unterschiedliche Kanones
Schon in der Antike wurde eine griechische Übersetzung der hebräischen Schriften angefertigt, die als Septuaginta bekannt ist. Diese Version war in der hellenistischen Welt weit verbreitet und beeinflusste die frühe Kirche stark. Später erstellte der heilige Hieronymus eine lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata, die über Jahrhunderte die westliche Christenheit prägte.
Die genaue Liste der in den Kanon aufgenommenen Bücher variiert zwischen Religionsgemeinschaften:
- Im Judentum entspricht der Kanon dem Tanakh, der eine feste Reihenfolge und Auswahl aufweist.
- Die römisch-katholische Kirche und die östlich-orthodoxen Kirchen erkennen zusätzlich zu den Büchern des Tanakh weitere Schriften an (häufig als deuterokanonische Bücher bezeichnet), die in der Septuaginta enthalten sind. Die genaue Liste weicht zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Tradition etwas ab; die orthodoxen Kirchen haben insgesamt tendenziell eine größere Bandbreite.
- Die protestantischen Bibeln orientieren sich inhaltlich stärker am rabbinischen Tanakh, ordnen die Bücher jedoch oft anders und zählen die deuterokanonischen Schriften in der Regel nicht zum Alten Testament, sondern führen sie entweder ganz nicht auf oder als Apokryphen.
Der Name "Altes Testament" (lateinisch: vetus testamentum) wurde vermutlich erstmals in der Patristik verwendet; früh wird er u. a. bei Tertullian genannt (2./3. Jahrhundert).
Inhaltliche Schwerpunkte und theologische Bedeutung
Die Texte behandeln zentrale Themen wie Schöpfung, Bund und Gesetz, Geschichte des Volkes Israel, prophetische Rufe zu Gerechtigkeit und Umkehr sowie Weisheit und Dichtung. Für das Christentum sind diese Schriften zugleich Vorlage und Hintergrund für das Verständnis von Jesus Christus und dem Neuen Testament; im Judentum bilden sie die Grundlage von Gesetz, Liturgie und Identität.
Der Begriff "Altes Testament" ist theologisch aufgeladen: Für manche vermittelt er die Vorstellung eines abgeschlossenen oder "abgelösten" Bundes gegenüber dem "Neuen Testament", weshalb viele Fachleute und Vertreter jüdischer und interreligiöser Dialoge heute lieber die Bezeichnung hebräische Bibel oder Tanakh verwenden, um respektvoller die Kontinuität und Eigenständigkeit der jüdischen Heilszeugnisse zu betonen.
Textkritik, Archäologie und moderne Forschung
Die moderne Bibelwissenschaft nutzt Methoden der Textkritik, Archäologie, Sprachforschung und Literaturwissenschaft, um Entstehung, Überlieferung und Bedeutung der Schriften besser zu verstehen. Funde wie die Schriftrollen vom Toten Meer, alte hebräische und griechische Handschriften sowie der Vergleich verschiedener Übersetzungen (z. B. Septuaginta, Vulgata, masoretischer Text) liefern wichtige Einsichten in Textvarianten und redaktionelle Entwicklungen.
Wirkung und Gebrauch
Die Texte des Alten Testaments prägen religiöse Praxis (Gottesdienste, Gebetbuch, Gesetzeslehre), Ethik, Kunst, Literatur und Rechtstraditionen in jüdischen wie christlichen Gemeinschaften. Sie werden in Auslegungstraditionen (z. B. rabbinische Exegese, christliche Exegese und Systematik) fortlaufend gedeutet und neu erschlossen.
Zusammenfassend ist das Alte Testament / die hebräische Bibel eine vielschichtige Sammlung von Texten, deren Entstehung, Kanonbildung und Überlieferung sich über Jahrhunderte erstreckte und die bis heute zentral für Religion, Kultur und Forschung ist.

