Die Wikingerzeit war eine Zeitspanne in der nordeuropäischen und skandinavischen Geschichte vom achten bis zum elften Jahrhundert. Die skandinavischen Wikinger, auch Nordmänner genannt, erforschten die Ozeane und Flüsse Europas durch Handel und Kriegsführung. Die Wikinger erreichten auch Island, Grönland, Neufundland und Anatolien. Es wird angenommen, dass sich einige Wikinger in L'Anse aux Meadows, einer archäologischen Stätte am nördlichsten Zipfel der Insel Neufundland, Kanada, an einem Ort niedergelassen haben, den sie Vinland nannten.
Zeitraum und Beginn
Die Wikingerzeit wird allgemein vom späten 8. Jahrhundert (häufig mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne 793 datiert) bis zum 11. Jahrhundert angesetzt. Ihr Ende wird oft mit der Christianisierung Skandinaviens, der Konsolidierung von Königreichen in Dänemark, Norwegen und Schweden sowie mit Ereignissen wie der Schlacht bei Hastings 1066 in Zusammenhang gebracht.
Gesellschaft und Lebensweise
Die Gesellschaft der Wikinger war vielschichtig: Es gab Bauern, Händler, Handwerker, Seeleute, Krieger und Häuptlinge. Familienverbände und lokale Gefolgschaften bildeten die soziale Basis. Wichtige Merkmale:
- Haushalt und Landwirtschaft: Die meisten lebten von Ackerbau, Viehzucht und Fischfang.
- Recht und Versammlung: Auf regionalen Thing-Versammlungen wurden Rechtssprüche gefällt und politische Entscheidungen getroffen.
- Handwerk: Metallverarbeitung, Holzbau und Textilherstellung waren weit entwickelt.
Schiffe und Navigation
Die für den Erfolg der Wikinger wichtigste Erfindung war das Langschiff: schlank, schnell, seetüchtig und zugleich für Flussfahrten geeignet. Damit konnten sie Küsten überfallen, Flüsse hinauffahren und Handelskontakte weitreichend unterhalten. Zur Navigation nutzten sie Beobachtungen von Sonne, Sternen und Meereszeichen; in der Forschung wird auch die mögliche Nutzung sogenannter „Sonnensteine“ diskutiert.
Handel, Kriegszüge und Expansion
Wikingeraktivitäten umfassten sowohl Handel als auch Raubzüge. Wichtige Aspekte:
- Handelsnetzwerke: Güter wie Pelze, Wachs, Bernstein, Sklaven und Silber wurden bis ins Byzantinische Reich und den islamischen Osten gehandelt.
- Raubzüge: Überraschungsüberfälle auf Klöster und Küstensiedlungen brachten Reichtum und Einfluss.
- Militärische Dienste: Viele Nordmänner dienten als Söldner, z. B. in der Leibgarde (Waräger) des byzantinischen Kaisers.
Räumliche Ausdehnung und Siedlungen
Die Wikinger erreichten zahlreiche Regionen:
- Westeuropa: England, Irland, die Normandie (daraus entstanden die Normannen), die Küsten Frankreichs.
- Baltikum und Russland: Handelsrouten über Flüsse wie die Wolga und den Dnjepr führten bis nach Konstantinopel und in den Orient; hier spielten skandinavische Eliten eine Rolle in den frühen Herrschaftsbildungen östlich Europas.
- Atlantikinseln und Nordamerika: Besiedlung von Island, Entdeckung und Siedlung von Grönland und die kurze Präsenz in Neufundland (bei L'Anse aux Meadows), das in den Quellen als Vinland erscheint.
Glaube, Kultur und Schriftquellen
Vor der Christianisierung hatten die Wikinger eine reich ausgestaltete Mythologie (z. B. Götter wie Odin und Thor) und eigene Ritualformen. Mit der Annahme des Christentums änderten sich Bestattungssitten und Schriftlichkeit nahm zu. Wichtige Quellen zur Wikingerzeit sind:
- Sagas und Epen (später niedergeschriebene mündliche Überlieferungen)
- Chroniken aus Kontinentaleuropa und den britischen Inseln
- Runeninschriften, Münzfunde und archäologische Befunde
Archäologie und wichtige Fundorte
Archäologische Funde geben konkrete Einblicke in Handel, Technik und Alltag. Berühmt sind u. a. Schiffsgräber in Skandinavien, Runensteine und die Fundstelle L'Anse aux Meadows, die als eindeutiger Beleg nordischer Präsenz in Nordamerika vor der Ankunft Kolumbus gilt.
Wirkung und Nachleben
Die Wikingerzeit prägte Europas politische Landschaft nachhaltig: Aus skandinavischen Häuptlingsmächten entstanden Königreiche; die Normannen begründeten neue Herrschaften in Frankreich und England. Sprache und Kultur zeigen Spuren in Ortsnamen, Lehnwörtern (z. B. in der englischen Sprache) und Handwerkstechniken. Heute sind die Wikinger sowohl Gegenstand wissenschaftlicher Forschung als auch populärer Darstellungen in Literatur, Film und Tourismus.
Kurz: Die Wikingerzeit war geprägt von Mobilität, kulturellem Austausch, wirtschaftlichen Netzwerken und tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, deren Spuren in vielen Teilen Europas bis heute sichtbar sind.



