Flechten sind eine Symbiose aus mindestens zwei ganz unterschiedlichen Organismen. Bei der Partnerschaft handelt es sich immer um einen Pilz, der mit einem oder mehreren Partnern lebt, die Photosynthese betreiben können. Der Photobionten‑Partner kann eine Grünalge und/oder ein Cyanobakterium sein. p5,6,13
Die Algen oder Bakterien leben im Inneren des Pilzes und tauschen mit ihm Nährstoffe aus. Die Flechte unterscheidet sich in Form und Lebensweise von jedem der Partner. Sie ist eine eigenständige Lebensform. Botaniker wussten dies erst um 1875.
Aufbau des Flechtenkörpers
Der sichtbare Körper der Flechte heißt Thallus. Er besteht meist aus mehreren Schichten: einer schützenden Oberhaut (Cortex), darunter einer Schicht mit den Photobionten‑Zellen, einer lockeren Mittel‑ oder Markschicht (Medulla) und bei manchen Arten einer unteren Haut mit Haft‑ oder Wurzelsystemen (Rhizinen). Diese arbeitsteilige Anordnung ermöglicht dem Pilz, Wasser und Mineralstoffe zu speichern und den phototrophen Partnern Licht und Schutz zu bieten, während diese Kohlenhydrate liefern.
Formen und Lebensweisen
Flechten treten in sehr verschiedenen Wuchsformen auf. Man unterscheidet grob:
- krustenförmige Flechten (crustose) — eng mit dem Substrat verwachsen, z. B. auf Felsen oder Baumrinde;
- blattförmige Flechten (foliose) — flache, blattähnliche Thalli, oft mit einer Unterseite und Rhizinen;
- strauchige Flechten (fruticose) — dreidimensional verzweigt, oft aufrecht oder hängend.
Viele Arten sind Pionierorganismen und besiedeln extreme Standorte wie nackten Felsen, Sand oder karge Böden; andere wachsen an Baumrinde, Dächern oder in Tundren und Wüsten.
Fortpflanzung und Vermehrung
Die Fortpflanzung der Flechte erfolgt überwiegend über den Pilzpartner. Die meisten Mykobionten gehören zu den Schlauchpilzen (Ascomyceten) und bilden sexuelle Sporen, die jedoch nur den Pilz betreffen; die Photobionten müssen nach der Aussaat meist neu aufgenommen werden. Deshalb sind auch vegetative Vermehrungsformen wichtig: Soredien und Isidien sind kleine Auswüchse oder Körnchen, die sowohl Pilz‑ als auch Algen/ Cyanobakterien‑Zellen enthalten und so die Symbiose gemeinsam verbreiten. Zusätzlich kann Fragmentation des Thallus zur Ausbreitung führen.
Ökologische Bedeutung
Flechten leisten wichtige ökologische Dienste: Sie tragen zur Bodenbildung bei, binden Nährstoffe (vor allem Arten mit Cyanobakterien können Stickstoff fixieren), bieten Mikrohabitate für Tiere und tragen zur Artenvielfalt in vielen Ökosystemen bei. Viele Flechten reagieren empfindlich auf Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid oder auf erhöhte Stickstoffeinträge, weshalb sie als Bioindikatoren für Luftqualität und Umweltveränderungen genutzt werden.
Nutzung und Schutz
Menschliche Nutzungen reichen von traditionellen Anwendungen (Farbstoffe, Medizin, Nahrungsquellen in Extremsituationen) bis zu modernen Forschungsfeldern (antibakterielle Substanzen, Umweltmonitoring). Viele Flechtenarten sind durch Lebensraumverlust, Luftverschmutzung und Klimawandel bedroht; der Erhalt ihrer Lebensräume und die Reduktion von Schadstoffeinträgen sind daher wichtige Schutzmaßnahmen.
Insgesamt sind Flechten ein eigenes, komplexes Lebewesen, entstanden aus der engen Zusammenarbeit von Pilz und photosynthetischem Partner. Ihre Vielfalt, Anpassungsfähigkeit und ökologische Bedeutung machen sie zu einem wichtigen Forschungs- und Schutzgebiet in der Biologie und Umweltwissenschaft.





